Wanderfahrt Lübeck und Hamburg

Erstmals in der Geschichte der von Martin Dittrich vom Ruderverein Dorsten organisierten Wanderfahrten ging es diesmal in Lübeck auf „Große Tour“ für ganze sieben Rudertage. Zumindest für alle, die das so wollten und einrichten konnten. Alle anderen sollten dann Mittwochs wie üblich zu drei Rudertagen nachkommen. Also trafen sich am Sonnabend zunächst 11 Teilnehmer in der Jugendherberge „nahe dem Burgtor“.

30. / 31. Mai 2010: Mölln

Antje als Lübecker Teilnehmerin zog dort zwar nicht ein, war doch aber immer bei uns und für uns da. Als fleißige Ko-Organisatorin kümmerte sie sich um Tickets für unsere Fahrwege auf Land mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Getränke und Bordproviant und natürlich auch die Boote der Lübecker Rudergesellschaft. Und so starteten wir mit zwei Vierern und einem Zweier am Sonntagmorgen Richtung Mölln.Die sonst wohlgefällige Wettergottbestechung wurde anfänglich etwas vernachlässigt. Und so fackelte der regenschwangere Himmel auch nicht lange und zeigte, was in ihm steckt. Bis auf wenige Unterbechungen sollte ein leichter Dauerregen unser Begleiter für den Tag sein.Nach vier Kilometern auf der Trave beginnt der Elbe-Lübeck-Kanal, der südwärts nach Mölln und darüberhinaus nach Lauenburg führt. Früher eine bedeutende Handelsroute für die Güter des Ostseeraums zur Elbe nach Hamburg war er wichtiger Bestandteil für die wirtschaftliche Entwicklung der Hansestadt Lübeck. Heute – mehr ein Naturidyll – mehren sich die Stimmen, eben dieses munter zu zerstören und für größere Schiffe auszubauen, was nicht nur Wanderruderer zu erschrecken vermag.Bis Mölln verteilen sich fünf Schleusen halbwegs gleichmäßig auf die Strecke. Entsprechend mussten leider mal kürzere, mal längere Wartezeiten hingenommen werden. Hinter der dritten Schleuse in Berkenthin landeten wir dann an und suchten uns ein warmes Plätzchen. Dort lockte ein großer Landgasthof – „Meier‘s Gasthof‘“ wird von den Ortskundigen angesichts der guten und großen Portionen auch liebevoll „Meier‘s Masthof“ genannt.Mit Wochenend-Ausflüglern in adretter Kleidung an behaglichen Tischen gut gefüllt betraten 13 patschnasse Ruderer den Saal. Offensichtlich ist man dort einiges gewohnt, wir wurden freundlich aufgenommen und durften unsere triefenden Klamotten hinter der Garderobe ein wenig ausbreiten. Nach einer kleinen Stärkung, je nach Geschmack mit Süppchen oder Kuchen, sollte sogar der Regen – wenn auch nur kurz – verstummen, so dass wir die letzten 14 Kilometer wieder gutgelaunt in Angriff nahmen.Vom Rest der Tour ist nur noch soviel zu berichten, dass die letzte der fünf Schleusen, die „Donnerschleuse“, ihrem Namen Ehre machte. Wie auch bei den übrigen Schleusen des Tages wird das Aufwärtsschleusen vollautomatisiert mit Druckluft-Aggregaten unterstützt, was an nicht näher gekennzeichneten Stellen der Schleusenwand zu heftigen Schwallen führt. So erwischte es nahe einer Leiter liegend meinen Vierer – ein Schwall bescherte Rita im Kreuz und mir auf den Füßen binnen Sekundenbruchteilen einen Guß von 10-20 Litern ins Boot. Fast schon belanglos, dass sich auf den letzten drei Kilometern dann die Himmelstore vollends öffneten, so dass es richtig auf uns herab kübelte.In Mölln begaben wir uns auf eine Führung durch die Eulenspiegel-Stadt, bevor wir den Tag im Ratskeller ausklingen ließen. Eine kurze Bahn- und Bustour brachte uns nach Lübeck zurück.Von der Rücktour am kommenden Tag gibt es keine Bilder – der Regen sollte der Kamera nicht noch mehr zusetzen. Bei Meier‘s durften wir wieder rein. Danach war auch der Regen fast nicht mehr da. Dafür gab es starken Gegenwind, der vor allem der Besatzung des Zweiers zu schaffen machte. Entsprechend verspätet hatte man in der Jugendherberge auf uns mit dem Essen gewartet. Ich glaube, wir haben diese Nacht alle gut und fest geschlafen.

01. Juni 2010: Lübeck / Travemünde

Am Dienstag stand für die Wochenfahrer eine weitere zweitägige Fahrt nach und von Travemünde auf dem Plan. Die unveränderten Windverhältnisse – weiterhin nördliche Winde wenigstens mit Stärke 3 – ließen dies nach Rücksprache mit erfahrenen Trave-Ruderern aber nicht zu. So wurde dann improvisiert und wir machten mit unseren Booten lediglich eine kurze Sightseeing-Fahrt um die Innenstadt Lübecks.Diese liegt auf einer etwa 2 km langen und 1 km breiten Insel, um die die Trave und ein kanalisiertes Teilstück herumführt. Außen kann man den Stadtgraben befahren, der mit den übrigen Wasserwegen verbunden ist. Einmal um den Stadtgraben und zurück über die Trave ergibt sich so ein Rundkurs von etwa 10 km mit allerlei Sehenswürdigkeiten.Viel gerudert haben wir nicht. Dafür hielten wir zu oft an, so dass Antje uns sehr viele und interessante Geschichten zu den Schiffen und Gebäuden erzählen konnte – eine Stadtführung der besonderen Art!Die kurze Tour hatte natürlich ihren Grund: rasch ging es nach einer Dusche in Zivil weiter und wir steuerten doch noch planmäßig Travemünde an – allerdings mit dem Motorschiff. Das hatte mehrere Vorteile. So brauchte Ilse aus Erlangen, die mittags anreiste, nicht allein den Rest des Tages verbringen und konnte gleich mitkommen. Außerdem hatte Martin die Besichtigung der Passat in Travemünde geplant, einer der letzten großen Frachtensegler, der dort als Museumsschiff vor Anker liegt. Auf halbem Weg konnten wir uns bei Schaumkronen-bewehrten Wellen davon überzeugen, dass die Planänderung vom Tage nicht grundlos war. Entlang von Hafenanlagen, großen Schiffen aber auch einigen grünen unberührten Ufern erreichten wir schließlich Travemünde.Die Passat ankert am Priwall, dem Landstrich am Südufer der Trave, der nur einen kleinen Teil der Bebauung Travemündes ausmacht und früher nur mit Fähren erreichbar war, da es eine Brücke nicht gibt und das umliegende Land einst DDR hieß. So war es auch heute noch für uns am einfachsten, die Personenfähre zu nehmen. Am Rand der Ostsee konnten wir dann auch schon typischen Meeresgeruch in frischer Brise genießen.Die Führung auf dem Oberdeck der Passat nahm bei all den interessanten Geschichten, die unser Führer aus dem örtlichen Verein zur Pflege des Schiffes mit uns machte, einige Zeit in Anspruch. Und so merkten wir – gefesselt von den spannenden Erzählungen zu diesem Schiff als auch dem Schicksal der vergleichbaren Pamir – erst recht spät, dass uns kalt wurde.So ging es dann noch in die unteren Decks und Laderäume, die einen bleibenden Eindruck von der wirklichen Größe des Schiffes vermitteln. Heute kann man auf der Passat übernachten, Feiern ausrichten oder gar heiraten – die gewinnbringende Nutzung des Schiffes ist letztlich ein Kompromiss, den man zur dennoch schwierigen Unterhaltung dieses letzten großen deutschen Frachtenseglers eingehen muss.Mit dem Bus ging es zurück zur Jugendherberge. Wie auch an den Abenden zuvor suchten wir den Ausklang in einem gemütlichen Lokal in der Innenstadt.

02. Juni 2010: Untertrave bis Schlutup

Vor Ankunft der übrigen Teilnehmer wollte auch dieser Tag gefüllt werden. So ruderten wir Richtung Travemünde bis kurz hinter Schlutup an eben jener Stelle, wo wie auch am Vortag der Wind ein Weiterrudern partout nicht zuließ. Schon das Wenden und Zurückrudern in der welligen Bucht bereitete kleinere Probleme.Am Steg eines nahegelegenen Seglervereins wurden wir freundlich empfangen und konnten unser mitgebrachtes Lunchpaket je nach Lust und Laune in der Sonne oder auch unter schattigen Bäumen auf grüner Wiese futtern.Auf der Rückfahrt nach Lübeck gab es eine etwas unheimliche Begegnung. Ein großes RoRo-Frachtschiff aus Schweden nahm uns regelrecht auf‘s Korn und kam zügig näher. Mit dem Zweier lagen wir etwas zurück und fuhren rechts in der Trave entlang einer kilometerlangen Mole, von der man nicht recht wusste, ob sie nicht das Ziel des Schiffes sein könnte? Einige hundert Meter voraus wechselten die Vierer nervös ans gegenüberliegende Ufer, in die innenliegende Kurve der nach links abbiegenden Trave.Letztlich war es eben dieser Flussverlauf, der das Schiff lange auf uns zuhalten und doch ins Fahrwasser abdrehen lassen sollte. So blieben wir dann im Zweier auch wie es sich gehört ganz cool auf der rechten Seite und beobachteten die Manöver der beiden Vierer, die nach Passieren des Schiffes auf uns warteten. Ein Tele-Schnappschuss eines hinter dem Schiff kreuzenden Vierers lässt erahnen, wie man sich fühlt, wenn so ein Schiff auf einen zufährt.Um die Fahrt abzurunden, umfuhren wir noch einmal die Stadt durch die Holstenbrücke an der Promenade Obertrave vorbei, bevor wir bei der Lübecker RG anlandeten.

03. Juni 2010: Hamburg

Auf Martins Programm stand für diesen Tag nur „Tagesprogramm: Überraschung“. Tatsächlich wäre die Fahrt fast an dem Umstand gescheitert, dass wir heute keine Boote zum Rudern haben sollten. Zumindest nicht bei der Lübecker RG, die anlässlich eines historischen Jubiläums die eigenen Boote für eine Ausfahrt brauchte. Und auch Anfragen bei anderen Vereinen in der Nähe blieben zunächst erfolglos.Den Tag gerettet hat Ille, die Martin anbot, mit Booten ihres Vereins, des Hamburger Ruderinnen Club, in Hamburg zu rudern. Wozu gibt es Bahnen? Und so lange dauert die Fahrt von Lübeck nach Hamburg und abends zurück dann doch nicht. Wie es bei Überraschungen so üblich ist, wurde vorher nichts verraten. Das galt auch für Christine, die am Vorabend aus Hamburg anreiste, um mit uns am nächsten Morgen per Bahn zurückzufahren. Dumm gelaufen :-).Geklagt wurde aber nicht und wenn, dann wäre es auf hohem Niveau gewesen. Schließlich weiß doch Jeder, dass Hamburg für Ruderer ein wahres Paradies ist. Das lässt man sich nicht entgehen, schon garnicht an einem Tag wie diesem, wo die Sonne endlich mal wieder unvoreingenommen hell vom Himmel lachte.Zuerst ging es über Außenalster und Binnenalster an der großen Fontäne vorbei zu Alsterarkaden und Rathaus. Zurück über die Außenalster fuhren wir dann nach Wandsbek, um die dort schwimmenden Hausboote zumindest von außen zu besichtigen.Die Alster hoch ging es mit kurzer Pause beim Ruderverein an den Teichwiesen bis zur Ohlsdorfer Schleuse und zurück durch malerische Seitenkanäle zum Ausgangsort. Das Abendessen hatten Martin und Ille beim der Wassersportabteilung der Sportvereinigung Polizei Hamburg nebenan bestellt.Die abendliche Bahnfahrt ersetzte diesmal den Kneipenbummel und gab uns Gelegenheit, die Erinnerungen an einen wunderschönen Tag wachzuhalten.

04. Juni 2010: Wakenitz

Von Südosten, aus dem Ratzeburger See kommend, nähert sich das Flüsschen Wakenitz der Stadt Lübeck, bis es dort in einem kleinen See endet, aber nicht mündet! Die Wakenitz liegt vom Niveau sogar etwas über dem der Trave und sollte heute unser Ruderrevier sein.Die Lübecker Frauen-Ruder-Gesellschaft hat eine strategisch günstige Lage. Mit Hilfe eines Bootswagens sind es nur wenige Meter an einem Uferweg entlang bis zu einem kleinen Stichkanal herüber zur Wakenitz. So sind auch dort Touren leicht möglich, obwohl zwischen Trave und Wakenitz keinerlei schiffbare Verbindung besteht. So brachten wir rasch vier Vierer zu Wasser. Die nahe Straßenbrücke musste sportlich gemeistert werden – ein paar starke Schläge und dann – Blatt hoch – lang ins Boot hinlegen, ansonsten wär der Kopf ab! Für uns kein Problem, die Durchfahrt war niedrig, aber nicht eng.In weiten Bereichen unberührte Sumpflandschaft wird die Wakenitz „Amazonas von Lübeck“ genannt. Auf den ca. 14 km bis zum Ratzeburger See konnten wir uns davon ein gutes Bild machen. Die Fahrt auf der Wakenitz – von der Begegnung mit einem Fahrgastschiff abgesehen ohne Bootsverkehr – war ein ruderischer Leckerbissen.Schließlich landeten wir bei kurzer Fahrt über den untypisch glatten Ratzeburger See an und ließen es uns auf einer saftigen Wiese am Ufer eine Weile gutgehen.Auf der Rückfahrt machten wir nochmal Pause am Landhaus Absalonshorst.Nachmittags um fünf Uhr stand eine Stadtführung durch Lübeck auf dem Programm. Nahe des Holstentor trafen wir beim „Welcome Center“ der Stadt auf unsere Führerin.Vieles hatten wir schon von Wasser gesehen, aber auf Land gewinnt man natürlich neue Einblicke. Wichtig zu wissen, wo das Niederegger-Haus ist, für dessen Marzipan die Stadt bekannt ist, ebenso wie das Buddenbrooks-Haus, das durch Nobelpreisträger Thomas Mann zu Weltruhm kam.Nach der Stadtführung begaben wir uns zu einem guten Abendessen in das Lokal „Kartoffelkeller“. Da die Geschäfte der Stadt heute bis Mitternacht geöffnet haben sollten, war die Gelegenheit zum Marzipankauf bei Niederegger günstig.

Den Freunden der „Kleinen Tour“ schuldeten wir noch die überfällige Rundfahrt, die wir schon am Dienstag gemacht hatten. Da 10 km nicht gerade üppig sind, fuhren wir die Trave aufwärts Richtung Bad Oldesloe. Die Sonne wollte sich im Hochnebel bis zur Mittagsstunde leider nicht sehen lassen.Entsprechend kühl war der Landgang auf dem Rückweg, aber das konnte uns vom Abspulen des obligatorischen Programmes – Futtern und Ausspannen – nicht abhalten.Die folgende Stadtumfahrt über Festungsgraben und Obertrave hatten wir ja schon am Dienstag erprobt und Einiges von Land aus gesehen.Beim abendlichen Ausklang in der „Remise“ gab sich Laudator Rudi Neumann die Ehre, um in unser aller Namen Martin und Antje für die Organisation dieser wunderbaren Wanderfahrt zu danken. Dies umso mehr, als die Herausforderungen an die Organisation diesmal sehr groß waren: wechselnde Zimmerbesetzungen in der Jugendherberge, ein Tag ohne Boote, Fahrwege ohne Landdienst – um nur ein paar Stichworte zu nennen. Aber die beiden haben das alles gemeistert und uns ein großes Vergnügen bereitet. Mit 198 km (lang) bzw. 92 km (kurz) wurde auch sportlich von allen Einiges geleistet und wir freuen uns auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.

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